1. Juni 2017 1 comments

Ich liebe das Leben! Gedanken über einen ganz besonderen Tag, mein Lebensfest

Der letzte Sonntag war für mich ein ganz besonderer Tag: Mein Lebensfest. Es bedeutet, dass ich an diesem Datum im Jahr 2011 ein neues Leben geschenkt bekommen habe. Dass ich am Leben bleibe, das war in den Tagen zuvor gar nicht so sicher. Denn ich war mit dem damals grassierenden EHEC Erreger infiziert und litt an der lebensbedrohlichen Komplikation HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom). HUS kann Nieren und Hirn schädigen. Unterstützt durch Blutwäsche und jede Menge Medikamente, musste meine Körperabwehr damit fertig werden.

Und jetzt, am vergangenen Sonntag, saß ich morgens stillvergnügt in einem hübschen Landhotel beim Frühstück, genoss jeden Bissen und jeden Schluck und fühlte dem nach, was ich vor 6 Jahren erlebt hatte. Mein Lebensfest ist der Tag der Nahtoderfahrung, wo ich damals glücklich war zu gehen und doch geblieben bin. Diesen Tag feiere ich jedes Jahr für mich und freue mich – im wahrsten Sinne des Wortes – des Lebens.

EHEC – was war das noch mal?

EHEC war eine aggressive Virusinfektion, die im Jahr 2011 für Schlagzeilen wie „Killer-Keim“ und „Darmseuche“ sorgte. In Deutschland waren insgesamt 4321 Menschen erkrankt und 50 Menschen starben daran. Von der seltenen Ausprägung HUS waren 732 Menschen betroffen. Erst standen Gurken und Tomaten im Verdacht, später ließen sich Sprossen als Auslöser identifizieren. Ein paar davon hatten sich auf meinem Bagel befunden, und so gehörte ich denn auch zu den Leuten, über die andere mit Entsetzen in der Zeitung lasen.

Von jetzt auf gleich kann alles vorbei sein

Die Erkrankung kam von jetzt auf gleich. Die Tage davor war ich noch mitten im Projekt, litt übers Wochenende an Mattigkeit und schlimmen Bauchkrämpfen. Montags gab es den Befund, doch ich dachte, ich bin von robuster Natur, so etwas bekomme ich nicht. Das war noch bevor EHEC in den Medien auftauchte. Ich versuchte zu arbeiten. Dann ging alles ganz fix. Innerhalb von 24 Stunden ging nichts mehr. Wäre ich nicht sofort ins Krankenhaus gegangen, wäre es innerhalb von wenigen Stunden vorbei gewesen.

Ich kam auf die Isolierstation, lag mit drei weiteren EHEC-Patientinnen auf einem Zimmer. Aufgedunsen von Wassereinlagerungen, Katheder am Hals für die Blutwäsche. Alle um mich herum waren in Schutzanzügen, jeder Besucher musste sich komplett einkleiden. Direkte Berührungen waren streng verboten, normales Handgeben oder Umarmen für lange Zeit tabu. Viele meiner Freunde hat meine Erkrankung damals richtig schockiert: Unvorstellbar, von jetzt auf gleich so aus dem normalen Leben gerissen zu werden. Wie lange sollte das dauern? 2 Wochen oder 4? – Bis ich wieder ganz gesund war, sollten viele Monate vergehen.

Einerseits war es für mich schlimm, nicht zu verstehen, was ich habe, was los ist, wie das alles ausgeht. Überhaupt die Erfahrung, verwirrt zu sein, auch viele verwirrte Gesichter um mich herum zu sehen. Ich hatte einfach die Situation nicht im Griff. Einigen Mitbetroffenen waren die Grundrechenarten und der Zahlenraum bis 100 abhandengekommen. Das kam alles wieder zurück, aber es dauerte seine Zeit.

Andererseits, und das finde ich im Nachhinein besonders interessant, war mein Geist trotzdem beruhigt. Ich merke zwar, dass ich vieles nicht verstand oder überblickte, aber eigenartigerweise dachte ich nicht weiter darüber nach. Irgendwie konnte ich das damals einfach so akzeptieren. Mein Gehirn hatte die Pause-Taste gedrückt.

Dieses Datum im Mai war ein Wendepunkt. So wie es häufig beschrieben wird, sah auch ich ein helles Licht, ging darauf zu und verspürte eine große Sehnsucht danach. Ich war glücklich und selig. Dieser Moment trug sich während einer Behandlung zu, ohne vorherige Anzeichen, er war kurz und seine Bedeutung wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Dafür hat er sich mir umso stärker eingeprägt. Was brachte mich zurück? Mein Ego? Meine Seele? Ich habe hier noch etwas zu tun, mein Seelenplan ist noch nicht erfüllt, glaube ich.

Gesund werden mit Geduld und in Demut

Irgendwann ging es besser, nach Wochen durfte ich endlich nach Hause. Was für ein Glücksgefühl, zurück in meine Wohnung zu kommen! Danach war meine Gesundheit Mittelpunkt meines Tuns. Schritt für Schritt, in der nötigen Langsamkeit, wo ich doch nie ein langsamer Mensch gewesen war: Telefonieren. Einkaufen. Kochen. Stück für Stück gewann ich mein Leben, meine Selbstständigkeit zurück. Kurze Spaziergänge, erste leichte Yogaübungen. Rausgehen mit Freunden, die auf mich achteten. Dann ein kleiner Urlaub. Vieles musste ich auch wieder neu lernen, Radfahren oder hohe Schuhe waren eine Herausforderung für das Gleichgewicht. Der Tag, an dem ich wieder High Heels tragen konnte, war ein Festtag!

Immer gab es in dieser schwierigen Zeit die guten Momente, in denen ich Unterstützung bekam, emotionale Nähe, das Gefühl aufgehoben zu sein. Um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen, das war eine große Lernaufgabe. Heute bin ich froh, dass ich es gelernt habe. Es gab viele Menschen in meinem Umfeld, die mich auf ihre eigene, ob energetische oder spirituelle Art und Weise unterstützen. Es ist unglaublich, was gerade meine Freunde damals alles für mich taten, und mit welcher Selbstverständlichkeit und welchem Pragmatismus.

Heute schaue ich auf diese Zeit aus tiefer Dankbarkeit. Sich getragen zu fühlen von Freunden und Familie, erfüllt mich heute noch sehr. All das hat mir geholfen, gesund zu werden und das neue Leben zu nehmen.

Ein Beinbruch hätte es nicht getan

Im Nahhinein ist mir klar, eine „normalere“ Krankheit hätte mich nicht so verändert. Meine Seele hat sich für diesen Weg entschieden. EHEC mit HUS hat mir eine Auszeit vom Denken aufgezwungen, und meine Seele hat daraus etwas Gutes gemacht. Nicht dass ich heute sagen würde, ich hätte vorher oberflächlich gelebt, überhaupt nicht. Aber ich merke, dass ich jetzt viel stärker darauf achte – und auch viel stärker dazu in der Lage bin –, meine Werte zu leben. Zum Beispiel Persönliches Wachstum, oder einen Beitrag leisten, im Beruf und im Privaten.

Die Beziehungen, die ich pflege, sind tiefer, das gilt sogar für meine Kundenbeziehungen. Wenn ich zurückblicke, habe ich heute andere Kunden als vorher, und die Verbindung geht von Herz zu Herz. Das ist großartig.

Aus der Krankheit Stärke schöpfen

Vor kurzem sagte mir eine Bekannte, wenn ich meine EHEC-Geschichte erwähne (was ich selten tue), dann klingt das nie nach Krankheit oder Leiden oder nach geraubter Lebenszeit. Sondern es schimmert immer durch, wie dankbar es mich gemacht hat, und auch wie stark. Vielleicht steckt darin das Geheimnis: Das Unvermeidliche zu ertragen und nicht zu hadern, aber das Positive aus ganzem Herzen zu begrüßen und zu umarmen.

Das Leben lieben, es als Geschenk nehmen, sich ihm mit Freude hingeben und dankbar sein für das, was einem widerfährt, auch wenn es schwierig ist: Darüber habe ich nachgedacht, im Landhotel beim herrlichen Bio-Frühstück.  Um mich herum wunderschöne Gegend, strahlendes Sommerwetter, gute Freunde und eine fröhlich-herzliche Stimmung, die ich mit allen Sinnen erleben darf.

 

 


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