30. Juni 2016 0 comments

Islands „Wikinger“ auf dem Platz – Werte schlagen Marktwert

Das kleine Island hat Fußballeuropa verzückt. Eine Mannschaft, die erstmals überhaupt bei einer EM dabei ist, aus einem Land mit der Einwohnerzahl von Bielefeld und klimatischen Bedingungen, die den Rasensport in Hallen zwingen, mit einem Teilzeittrainer, der seine Brötchen als Zahnarzt verdient – so einer Mannschaft gelingt es, im EM-Achtelfinale den Fußball-Giganten England aus dem Turnier zu kicken. Eine wahrhafte Heldengeschichte.

Geld schießt keine Tore, heißt es immer. Darüber kann man diskutieren. Hochbezahlte Stars im Team zu haben und ein üppiges Budget, das gute Trainingsbedingungen sichert, ist ja zumeist kein Nachteil. Doch die unausgesprochene Schlussfolgerung der Aussage stimmt zweifellos: Auch wer weniger Geld hat, kann im Mannschaftssport Fußball erfolgreich sein. Denn es sind andere Faktoren, die am Ende zählen.

Teamgeist, Fokus und der Glaube an den Erfolg

Allen voran Teamgeist: Jeder für jeden. Island hat in dieser EM bisher sechs Tore geschossen, mit sechs verschiedenen Torschützen. Das Team hat keine „Diva“, die auf das perfekte Zuspiel wartet. Jeder verausgabt sich, rennt weite Strecken, erobert Bälle und sucht die Lücke zum Mitspieler. Das ging auf gegen die englischen Profis, die auf dem Feld als Team zusehends auseinanderfielen.

Hinzu kommen Fokus und Überzeugung. Islands Spielern war ihre Konzentration förmlich anzusehen. Kaum ein Lächeln beim Einlaufen ins Stadion. Dass die Aufgabe schwer würde gegen eine Mannschaft, deren Marktwert den eigenen um ein vielfaches übersteigt, war ihnen bewusst, aber sie sahen auch ihre Chance. Es gelang ihnen, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, mit dem Spielverlauf wuchs die Zuversicht. Und die eiserne Konzentration ließ nicht nach. Selbst nach dem Schlusspfiff dauerte es einige Minuten, bis die isländischen Spieler lächeln, dann lachen und endlich jubeln konnten.

„Unser Team ist etwas ganz Besonderes. Wir sind alle Freunde. Ich habe noch nie einen derartigen Spirit erlebt, wie wir ihn in der Mannschaft haben“, sagt Mittelfeldspieler Gylfi Sigurdsson, der als ehemaliger Bundesliga-Profi und jetziger Premier-League-Spieler die Mentalitäten anderer Mannschaften kennt.

Erfolgsrezept gemeinsame Werte

Dahinter steckt ein starkes Identitätsgefühl der isländischen Mannschaft – und das, obwohl die Spieler allesamt in anderen europäischen Ligen unter Vertrag stehen. Ein solcher Zusammenhalt kann wohl auf gemeinsame Werte zurückgeführt werden. Dazu zählen vielleicht Stolz auf das kleine abgelegene Land, durch raues Klima geprägte Härte und Durchhaltewillen, ein bisschen wildes Wikinger-Erbe – da lässt sich spekulieren. Jedenfalls ist es dem Trainerteam gelungen, ein starke Einheit zusammenzuschweißen, die ohne die individuelle Klasse einzelner Top-Fußballer gemeinsam Herausragendes leisten kann.

„David-gegen-Goliath“-Geschichten bringt der Sport immer wieder hervor, es sei nur an den Erfolg des kleinen Bundesliganeulings SV Darmstadt 98 erinnert. Trainer solcher Mannschaften schaffen es offenbar besser als andere, Identitätsgefühl zu stiften und damit die Mentalität zu stärken. Sei es durch prägende Erlebnisse wie ein Zeltlager auf dem Gletscher, von dem die Spieler von Mainz 05 sich aus Begeisterung später Fotos in die Kabine gehängt haben. Sei es durch Rituale wie den isländischen Fan-Gesang oder das berühmte Armbändchen, das die deutsche Mannschaft in Brasilien bei ihren Spielen getragen hat. Entscheidend ist, die Kraft gemeinsamer Werte zum richtigen Zeitpunkt abzurufen. Am Ende siegt, wer mental am stärksten ist.


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