2. Juni 2016 1 comments

„Nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen“: Interview mit Bodo Janssen (Teil 2)

Bodo Janssen ist Geschäftsführender Gesellschafter der Touristik-Gruppe Upstalsboom und Autor des Buches „Die stille Revolution. Führen mit Sinn und Menschlichkeit“. Für changemanagement.biz gab Bodo Janssen ein Interview, das wir in zwei Teilen veröffentlichen. Im ersten Teil berichtete er vom Prozess der Kulturtransformation in seinem Unternehmens, der vom Rande einer Krise zu einem verblüffenden Erfolg geführt hat. In diesem Teil nun geht es um das Thema Vertrauen.

Herr Janssen, Vertrauen spielte bei dem Change-Prozess, den Ihr Unternehmen durchlaufen hat, eine Schlüsselrolle. Was ist aus Ihrer Sicht der Anker für das Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Chef?

Der Anker bei mir selbst ist Selbstvertrauen. Nur wenn ich mir selbst vertraue, kann ich anderen vertrauen. Aber wie entsteht Vertrauen? In diesem Entwicklungsprozess habe ich, noch bevor wir in unseren Curricula unser Leitbild erarbeitet haben, die Erfahrung gemacht, dass eine Verbundenheit entstand, wenn die Mitarbeiter immer mehr übereinander und voneinander erfuhren.

Je mehr ich „die Hosen runtergelassen habe“, desto eher waren die Mitarbeiter auch bereit, von sich zu erzählen. Und je mehr wir voneinander erzählt haben –  wenn ich an das Johari-Fenster denke, je größer das, was anderen und mir bekannt ist, für alle Beteiligten wurde –, desto größer wurde das Vertrauen.

Und als dann auch die Teilnehmer festgestellt haben, das dass, was für sie wichtig ist, sich gar nicht so sehr von dem unterscheidet, was anderen wichtig ist, hatten wir teilweise Situationen, wo sich fremde Menschen nach eineinhalb Tagen beim Abschied in den Armen gelegen haben und ganz traurig waren, dass sie sich erst in drei Monaten wiedersehen.

Diese Erfahrung habe ich auch mit meinem Buch gemacht. Da lasse ich ja auch „die Hosen runter“ – es gibt wenig, was ich ausspare. Es führt dazu, dass Menschen auf mich zukommen, mich mit Vornamen ansprechen, mir ihre Lebensgeschichte erzählen oder schreiben, weil sie einfach das Gefühl haben, jemandem zu begegnen, den sie kennen.

Das ist für mich ein Grundprinzip: Je mehr ich von mir erzähle, desto mehr sind andere Menschen auch bereit, von sich etwas preiszugeben. Und je mehr die Menschen voneinander wissen, desto größer das Vertrauen.

Ich habe gerade ein Buch vom Dalai Lama gelesen. Da sagt er im Zusammenhang mit den chinesischen Besatzern: „Es kann sein, dass ich manche Menschen nicht so gerne habe, aber dann liegt das nur daran, dass ich sie nicht gut genug kenne.“ Das fand ich ganz faszinierend, diese Erfahrung haben wir im eigenen Kontext auch gemacht: Ich persönlich mit meinem Buch und der Resonanz, die ich darauf erfahre. Und auch im Unternehmen. Egal wo ich hinkomme, kommen die Menschen jetzt einfach zu mir, und alle Mitarbeiter – vom Spüler über die Aushilfskraft –, alle erzählen mir alles.

Das hängt, glaube ich, auch damit zusammen, dass ich mich im Vorfeld geöffnet habe. Das schafft Authentizität und Berechenbarkeit. Denn Mitarbeiter merken, wenn jemand eine Rolle spielt, und unbewusst ziehen sie Mauern hoch. Je mehr sie jedoch von mir wissen, desto berechenbarer werde ich für sie und desto eher können sie vertrauen.

Das Buch und die Reaktion auf das Buch sind für mich nochmals ein Beleg: Je mehr ich mich öffne, desto stärker ist das Vertrauen, das in mich gesetzt wird. Oder besser, das mir geschenkt wird.

Was könnten Sie anderen Unternehmen mitgeben, damit Vertrauen aufgebaut werden kann?

Das Misstrauen hat ja häufig seine Gründe. Die liegen zunächst vermeintlich in der Unfähigkeit Anderer. Ich glaube aber, dass sie eher in der eigenen Person liegen. Und zwar dadurch, dass man Angst vor etwas hat. Also der Widerstand, dass was eintritt, von dem man glaubt, dass es nicht eintreten darf. Dieser Angst kann man begegnen, indem man erst mal die eigenen Widerstände anschaut.

Auch hier kann ich wieder eine Parallele zu meinem Buch ziehen: Wenn ich Angst davor habe, dass irgendetwas aus meiner Vergangenheit publik wird, weil ich glaube, dann nicht so gut dazustehen, oder dass die Menschen über mich reden, mich nicht mehr anerkennen oder mich nicht mehr lieben, dann wirkt dieser Widerstand, das eben nicht zu veröffentlichen. Das ist Angst, Vorsicht, Misstrauen. Deshalb geht es erst einmal darum, sich selbst komplett anzunehmen und ein Stück weit sich auch zu offenbaren.

Ich glaube, dass der Weg zum Vertrauen der Anderen darüber führt, dass ich zeige, wer ich bin, auch mit meinen Stärken und Schwächen. Wenn ich das mache, dann fangen die anderen an, mir zu vertrauen. Das ist ein Vorbild.

Ich kann ja gut sagen, „Lieber Mitarbeiter, komm zu mir, meine Bürotür ist auf, Sie können mir alles erzählen“, aber das wird kein Mitarbeiter tun. Das ist dieses offene Büro, von dem alle immer sprechen, aber niemand überschreitet die Türschwelle. Die Mitarbeiter werden das erst tut, wenn ich selbst rausgehe, über die Schwelle trete und den Mitarbeitern etwas erzähle. Oder sie frage. Wenn ich es ihnen vorlebe.

Genauso ist es mit dem Vertrauen. Ich glaube nicht, dass ich das Vertrauen der Mitarbeiter gewinne, indem ich darauf warte, dass sie mir vertrauen. Sondern ich als Vorgesetzter gehe den ersten Schritt und schenke ihnen dieses Vertrauen. Und das kann z. B. geschehen durch das Öffnen meiner Tür, vor allen anderen Dingen.

Wie war das in Ihrem Prozess für die Leute sichtbar, dass Sie vertraut haben?

Sie wollten mich ja loswerden und ich habe gedacht, „ihr wolltet mich loswerden!“. Heute ist es ja so, dass wir nichts tun, nur um gut dazustehen. Aber solange wir versuchen, gut dazustehen, werden wir versuchen, immer nur das Gute von uns zu zeigen.

Und wenn wir immer nur das Gute zeigen wollen, weil wir der Superheld sein müssen, der auf alles eine Antwort hat, in dem Moment haben wir Widerstände dagegen, etwas zu offenbaren, was uns nicht so gut dastehen lässt. Und dann entsteht eben kein Vertrauen.

Vielen Dank, Herr Janssen, für dieses inspirierende Interview!

 

Mein persönliches Fazit

Wo Menschen zusammenarbeiten, kommt es auf gegenseitiges Vertrauen an. Die Konsequenz, mit der Bodo Janssen in seinem Unternehmen die Basis für Vertrauen geschaffen hat, selbst den ersten Schritt gegangen ist und sich bedingungslos mit allen Stärken und Schwächen geöffnet hat, finde ich außergewöhnlich. Das erfordert Mut und Souveränität. Für mich ist er ein großes Vorbild für Führungskräfte, um mit ihren Mitarbeiter Zukunft zu gestalten.

 

 


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