1. Dezember 2016 0 comments

Wie Werte das Projektmanagement beflügeln: Interview mit Clemens Drilling

Am 1. Dezember erscheint das neue Heft von projektMANAGEMENT aktuell* und darin ein Artikel, den ich zusammen mit meinem Kollegen Clemens Drilling geschrieben habe: „Mit Werten Projekte erfolgreich machen“. Als strategischer Berater und Experte für Projektmanagement hat Clemens Drilling viel Erfahrung damit, was Projekt erfolgreich werden oder scheitern lässt. Mit ihm habe ich über die Bedeutung von Werten gesprochen.

Projektmanagement, das heißt ja in erster Linie Struktur, Effizienz, Ziele definieren und erreichen. Inwiefern spielen da „weiche“ Faktoren eine Rolle?

Clemens Drilling: Sie spielen die entscheidende Rolle! Denn technische und methodische Prozessschritte sind schnell zu lernen. Aber diese Methoden und das ganze Instrumentarium des Projektmanagements ergibt nur Sinn, wenn man die Social Skills mit beachtet. Das Verweben zwischen den harten Fakten – Rollen, Prozesse – und der weichen Seite, den Menschen, das ist entscheidend. Das muss der Projektleiter tun, und dazu muss er die Fähigkeiten haben.

Wie erlangt er denn diese Fähigkeiten?

Einmal durch Training on the Job. Leichter geht es mit einem Mentor, der ihn mitnimmt und anleitet. Wenn jemand eine Projektleiterausbildung macht, gehören Verhaltenskompetenzen mit zum Ausbildungs-Kurrikulum dazu. Das prüfen wir bei der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM) sogar in der Zertifizierung, in einem ganztägigen Assessment.

Wie können Projektmanager die weichen Faktoren im Projekt selbst denn zu fassen kriegen?

Der Projektleiter hat ja nicht nur die Aufgabe, Aufgaben zu verteilen, er muss auch diese Gruppe von Menschen zu einem Team machen. Da hilft es zu thematisieren, wie die einzelnen Menschen arbeiten, welchen Arbeitsstil sie haben, was ihnen jeweils wichtig ist. Und dann ist man sofort bei den Werten. Wenn wir z. B. zusammenarbeiten, wie sieht das dann aus? Muss einer bei jedem Schritt nachhaken oder herrscht Vertrauen? Ziehen wir gemeinsam an einem Strang oder liefert einer den Input und der andere wartet ab?

Wir sehen immer mehr, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft auf menschliche Beziehungen bauen müssen. Diskussion und Austausch über Werte hilft uns, unsere menschlichen Beziehungen in Projekten zu stabilisieren oder sogar zu vertiefen.

Wie spreche ich mit Mitarbeitern über Werte, wie kann ich sie dafür öffnen, Verständnis schaffen und im besten Fall Begeisterung entfachen?

Zwei Möglichkeiten. Der eine Weg geht über die Schmerzen, wenn man gemeinsam feststellt, dass irgendetwas nicht funktioniert, dass Sand im Getriebe ist. Der zweite Weg macht eindeutig mehr Spaß, er geht über positive Erfahrung. Wenn ich nach einiger Zeit im Projekt anspreche: Was hat denn besonders gut geklappt? Und warum? Dann kommen keine Antworten wie „die Struktur ist gut“ oder „die Rollen sind klar definiert“, sondern vielleicht „du hast mir geholfen, als es bei mir mal gehakt hat“ oder „bei dir kann ich auch mal meinen Frust ablassen“. Es ist die Qualität der Zusammenarbeit, die für die Erfolge sorgt. Es geht um Menschen, ihre Persönlichkeit und ihre Beziehungsgeschichte. Wenn wir an dem Punkt sind, dann ist es ein Leichtes zu sagen: Was können wir tun, um noch besser zu werden?

Haben Sie noch ein Beispiel aus Ihrer Beratungspraxis?

Ganz viele. Viellicht dieses, da ging es um die Einführung einer Software und um neue Prozesse. Das Kernteam bestand aus 10 Menschen, die schon eine Geschichte miteinander hatten. In der Vergangenheit wurden z. B. Arbeiten schleifen gelassen, obwohl der Projektleiter sie für wichtig erklärt hatte. Wir haben dann eingeführt, dass wir bei jedem Meilenstein-Meeting neben den „hard facts“ – Termine, Kosten, Leistung – auch über die Zusammenarbeit geredet haben. Wo haben wir Hilfsbereitschaft erlebt, wann hat sich jemand alleingelassen gefühlt?

Heute ist das Team kaum wiederzuerkennen. Die Leute haben nicht nur in ihren Rollen miteinander zu tun, sondern als Menschen, unabhängig von der Hierarchie. Sie sagen sich, wo es klemmt, und lösen das gemeinsam. Zwei Kollegen hatten sogar ein persönliches Problem miteinander, sie mochten sich nicht. Nach einem einstündigen Mediationsgespräch konnte ich beobachten, dass die beiden jetzt wunderbar zusammenarbeiten, sie haben eine neue Art des Respekts füreinander gefunden.

Vielen Dank!

Clemens Drilling ist Head of Strategic IT Consulting bei der Würth Phoenix GmbH, COO der NewTrust GmbH für werteorientiertes Projektmanagement sowie Vorsitzender des Präsidialrats der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM) e. V.

———-
* projektMANAGEMENT aktuell ist die Mitgliederzeitschrift der GPM Gesellschaft für Projektmanagement. Das Heft kann hier bezogen werden.


© 2019 Changemanagement.biz
Back to top