27. März 2019 0 comments

Scrum und Werte – agile Arbeitsweise auf einem stabilen Fundament

Ein Gastbeitrag von Birgit Mallow

In einer Welt zunehmender Komplexität nutzen erfolgreiche Unternehmen agile Arbeitsweisen und Werkzeuge. Eines der bekanntesten Frameworks ist Scrum – es hat einen Anteil von 85% der agilen Arbeitsweisen. Das Einüben dieser Arbeitsweisen bedeutet für viele Teams eine große Umstellung. Zusätzlich lenken die Scrum-Erfinder Ken Schwaber und Jeff Sutherland im offiziellen Scrum Guide den Blick auf die agilen Werte wie Selbstverpflichtung, Mut, Fokus, Offenheit und Respekt. Diese Werte sind nicht verpflichtend, aber sie führen zu einer bestimmten Haltung, und das macht den Unterschied. Die Werte gelten übrigens nicht nur für Scrum, sondern passen generell als Grundlage agilen Arbeitens, ganz gleich welche Methode oder welches Framework verwendet wird.

Selbstverpflichtung

Die Mitglieder eines agilen Teams verpflichten sich persönlich dazu, die gemeinsamen Ziele zu erreichen. In einem solchen Team gilt dann „Collective Ownership“, das heißt kein Team-Mitglied versteckt sich hinter den anderen, sondern jeder versucht nach Kräften seinen Beitrag zu leisten und die anderen Team-Mitglieder für das Erreichen des gemeinsamen Ziels zu unterstützen. Im Alltag wird dieser Wert umso stärker, je mehr das Team erlebt, dass es Kontrolle über seine Arbeit hat, ermächtigt ist, Entscheidungen für den eigenen Arbeitsbereich zu treffen und damit den eigenen Erfolg selbst beeinflussen kann.

Mut

Agile Teams bewältigen typischerweise komplexe Herausforderungen und sind dafür cross-funktional zusammengesetzt. Das bedeutet, dass alle Team-Mitglieder zusammen die Fähigkeiten haben, die für die Lösung der Aufgabe erforderlich sind. Diese Ressourcenfülle und die unterschiedlichen Sichtweisen befähigen das Team als Ganzes, komplexe Aufgaben im Alltag zu bewältigen und gute kreative Lösungen zu finden, die ein Einzelner nicht hätte schaffen können. Das Team kann daraus den Mut ziehen, sich auch richtig schwierige Probleme vorzunehmen und ungewöhnliche Lösungswege auszuprobieren, bis die Nuss geknackt ist.

Fokus

Fokussiertes Arbeiten ist ein essentieller agiler Wert. Es geht darum, sich auf das gemeinsame Ziel zu konzentrieren und das dafür Wesentliche und Richtige zu tun. Das Team strebt deshalb danach, konsequent und mit vereinten Kräften eine Aufgabe nach der anderen zu bearbeiten. Vorrang vor dem Start einer neuen Aufgabe hat die Fertigstellung bereits begonnener Aufgaben. Mit Fokus vermeiden wir Multitasking und die Verschwendung von Zeit und Kapazitäten. Wir sparen Koordinationsaufwand und Rüstzeiten für das „Sich-Wieder-Reindenken“. Das führt zu guter Wertschöpfung und schneller Lieferung wertvoller Ergebnisse, die auf das gemeinsame Ziel einzahlen.

Offenheit

Der Erfolg agiler Arbeitsweisen basiert darauf, dass wir uns den gemeinsamen Arbeitsfortschritt transparent machen und regelmäßig aus den Ergebnissen und zu unserer Arbeitsweise lernen. Offenheit bedeutet, dass jedes Team-Mitglied seine Bedenken zu einem Vorgehen ausspricht oder eigene Schwierigkeiten offenlegt und dass sich das Team Misserfolge oder Stolpersteine im Arbeitsprozess bewusst macht. Das Team übt sich deshalb darin, auch Unerfreuliches anzusprechen und Probleme zu erforschen. Es strebt danach, gemeinsam daraus zu lernen und besser zusammenzuarbeiten.

Respekt

Agiles Arbeiten im Team bedingt, dass sich die Mitglieder gegenseitig als fähige, eigenverantwortliche Individuen respektieren. Respekt in Form von Wertschätzung, Verständnis und Rücksichtnahme bildet gewissermaßen das Fundament der anderen Werte und den Kitt für die enge Zusammenarbeit. Respekt trägt die Team-Mitglieder damit gut durch alle Höhen und Tiefen, durch Phasen von Misserfolg wie Erfolg.

Mit den Werten arbeiten

Für agile Teams bietet die Retrospektive (das sind Team-Meetings, bei denen es darum geht, die Zusammenarbeit im Team zu verbessern) eine gute Gelegenheit, die agilen Werte zu reflektieren. Ein guter Einstieg ist, dass die Team-Mitglieder zunächst über die Werte sprechen und klären, was genau sie darunter verstehen. Manche Teams vereinbaren für sich dann auch noch weitere individuelle Werte; bspw. kann Spaß den Team-Mitgliedern als zusätzlicher Wert wichtig sein. Im nächsten Schritt entwickelt das Team für jeden Wert eine gemeinsame Vorstellung davon, welches konkrete Verhalten den Wert in Alltagssituationen erlebbar macht. Der Wert soll sowohl von den Team-Mitgliedern gegenseitig beobachtet werden können als auch von Außenstehenden im Team-Alltag erkennbar sein.

In den folgenden Retrospektiven kann das Team dann regelmäßig gemeinsam bewerten, wie gut jeder Wert in den letzten Wochen im Team gelebt wurde. Manchmal ist es auch nützlich, einen Wert besonders in den Mittelpunkt zu rücken, bspw. wenn er aus Sicht der Team-Mitglieder in der letzten Zeit etwas vernachlässigt wurde – oder wenn er für die aktuelle Team-Situation besonders benötigt wird.

Auch Führungskräfte im Team-Umfeld können mit den agilen Werten in dieser Form arbeiten. Hier geht es dann um die Frage, was jeder Wert für die Führungsaufgabe bedeutet und wie er handlungsleitend im Alltag und in Entscheidungssituationen gelebt werden kann.

Transformation der Zusammenarbeit

Nicht alle agilen Teams mögen sich mit den agilen Werten auseinandersetzen. Wenn ein Team mit der agilen Arbeitsweise startet, steht in der Regel zunächst auch die Einübung des neuen Vorgehens im Vordergrund. Mit etwas Konsequenz und Disziplin stellt sich nach wenigen Wochen schon Routine ein.

In der Praxis beobachte ich dann immer wieder, dass ein aufkeimendes Interesse an den agilen Werten und ihrer Bedeutung für das eigene Team mit einer Transformation einhergeht: Das Team wechselt von einer eher mechanistischen Anwendung der neuen Frameworks oder Methoden auf ein Level, in dem die Frage nach der Qualität der Zusammenarbeit und des Vertrauens im Alltag in den Vordergrund rückt. Und das nicht zum Selbstzweck, sondern um bessere Ergebnisse und eine höhere Qualität und damit mehr Wertschöpfung für die Kunden und für das eigene Unternehmen zu erreichen.

Für Scrum Master oder Agility Master ist es deshalb ein lohnender Schritt, die Reflexion mit den agilen Werten anzubieten und die Team-Entwicklung damit zu fördern. Werte einen, speziell in Zeiten, wo es mal nicht so rund läuft. So erhält die agile Arbeitsweise des Teams ein stabiles Fundament.

Birgit Mallow ist Dipl. Informatikerin und seit rund 20 Jahren als systemische Organisationsentwicklerin und Management Beraterin tätig. Sie ist ausgebildete Agile Organisationsbegleiterin und Coach, hält verschiedene agile Zertifizierungen, ist Cultural Transformation Tools (CTT) Consultant und berät zu neuen Organisationsformen und New Work. Mit viel Erfahrung und Leidenschaft begleitet und unterstützt sie Organisationen, Teams und Individuen bei betrieblichen Veränderungen und auf ihrem Weg zu mehr Lebendigkeit, Agilität und Innovation. 


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